Über diese Publikation
Ich habe eine Doktorarbeit über Wahlverhalten im digitalen Zeitalter geschrieben. Die Frage war, warum die etablierten Modelle der Wahlforschung immer schlechter erklären, was bei Wahlen tatsächlich passiert - wie und warum Wahlergebnisse zustandekommen.
Auf dem Weg dorthin bin ich allerdings auf etwas gestoßen, das ich nicht gesucht hatte – und das sich als eine meiner wichtigesten Einsichten herausstellte.
Wenn man Luhmann folgt, besteht Gesellschaft aus Kommunikation. Politik ist ohne Kommunikation nicht denkbar; manche Autoren definieren sie überhaupt erst über sie. Daraus folgt zunächst nur das Naheliegende: Ändert sich die Kommunikation, ändert sich die Politik. Die Massenmedien haben das vorgeführt – sie veränderten, welche Informationen Menschen erreichten und wie sie sie aufnahmen.
Die Digitalisierung greift tiefer. Sie ändert nicht nur, welche Informationen ankommen, sondern wer überhaupt kommunizieren kann, in welchen Situationen, mit wem – und inzwischen auch: womit. Menschen kommunizieren mit Geräten, Geräte untereinander, und seit kurzem entsteht Kommunikation ohne menschlichen Autor. Was gespeichert, wiederauffindbar, auswertbar und automatisiert erzeugt wird, hat sich vollständig verschoben.
Wenn Gesellschaft aus Kommunikation besteht und sich die Kommunikation grundlegend ändert, dann ist die Konsequenz unausweichlich: Die Digitalisierung ist nicht technischer Fortschritt, der die Gesellschaft verändert. Es entsteht eine neue Art von Kommunikation – und damit eine neue Art von Gesellschaft.
Das war nicht mein Dissertationsthema. Es ist das, was ich beim Arbeiten daran verstanden habe. Und es hat mich seither nicht losgelassen.
Warum das mehr als eine akademische Feststellung ist
Man kann die Verschiebung an einer einzigen Frage ablesen: Wer konstruiert die Wirklichkeit, in der eine Gesellschaft sich orientiert?
Als Walter Lippmann 1922 über Nachricht und Wahrheit nachdachte, waren es Tageszeitungen – einmal täglich, ein notwendig unvollständiges Abbild. Als Niklas Luhmann 1997 feststellte, dass Individuen die Wirklichkeitskonstruktionen der Massenmedien kaum noch an eigener Alltagserfahrung überprüfen können und sie deshalb zunehmend als Realität übernehmen, waren es Rundfunk und Fernsehen, die diese zusätzlichen Wirklichkeiten herstellten.
Heute ist es potenziell jeder. Der Informationsmarkt einer Gesellschaft, bislang ein Oligopol weniger Anbieter, ist endgültig ein Polypol geworden – und die Wirklichkeitskonstruktion damit gesellschaftlicher Normalzustand. Wer ein Profil anlegt, um zu arbeiten, zu streiten oder zu lieben, erzeugt eine Version seiner selbst, deren Echtheit im Moment der Begegnung niemand prüfen kann. Und seit kurzem entsteht ein wachsender Teil dieser Kommunikation ohne menschlichen Autor überhaupt.
Boorstin beschrieb 1962 eine Gesellschaft des Images, geprägt von Pseudo-Ereignissen und beliebig wandelbaren Leitbildern. Man darf sich fragen, wie er die Gesellschaft nach der digitalen Revolution beschrieben hätte.
Dass die kommunkationswissenschaftliche Perspektive hier etwas greifbarer macht, das weit über Fragen der Digitalisierung von Medien, Wahlen und Politik hinausgeht belegt Yuval Noah Harari in seinem internationalen Bestseller Nexus. Dort hält er fest, dass die Informationsnetzwerke der Demokratie brüchig werden und demokratische Systeme weltweit unter Druck stehen. Er hält aber zugleich fest, dass niemand sicher wisse, woran das genau liegt. Das ist eine bemerkenswert ehrliche Auskunft, und sie beschreibt den Stand der Debatte gut: Der Befund ist unstrittig, die Ursache nicht.
Die Debatten der letzten Jahre laufen alle auf diesen Punkt zu, ohne ihn zu benennen: Privatsphäre und Überwachung, Desinformation und Wahlbeeinflussung, künstliche Intelligenz, das Töten durch ferngesteuerte Drohnen. Jede wird als Einzelproblem verhandelt, für das man eine Regel finden müsste. Tatsächlich sind es Symptome einer Formveränderung.
Die Folge ist ein bemerkenswerter Rückstand. Kaum jemand hat in den letzten zwanzig Jahren ein Telefonbuch aufgeschlagen – aber weite Teile der Politik und ihrer Wissenschaft arbeiten weiter mit Modellen aus einer Zeit, in der es sie noch gab. Man behandelt das Internet als Zeitung ohne Papier.
Deshalb steht hier alles auf dem Prüfstand: Demokratie, Freiheit, Öffentlichkeit, Recht, der liberale Rechtsstaat, Macht, Kapital, Vertrauen – bis hin zum Begriff der Gesellschaft selbst. Nicht weil die alten Begriffe falsch gewesen wären, sondern weil die Verhältnisse, für die sie geprägt wurden, nicht mehr bestehen. Nach Schrift, Buchdruck und Massenmedien war jedes Mal dieselbe Arbeit fällig. Sie ist es wieder.
Man könnte das digitale Aufklärung nennen.
Warum das dringlich ist
Man kann diese Arbeit für Begriffsklauberei halten. Das wäre ein Irrtum, und zwar ein folgenreicher.
Politik, Recht und Verwaltung arbeiten mit Begriffen. Wer mit Begriffen operiert, die eine vergangene Wirklichkeit beschreiben, trifft Entscheidungen für eine Welt, die es nicht mehr gibt – und wundert sich, dass sie nicht wirken. Man reguliert Plattformen wie Presseerzeugnisse, verteidigt Privatsphäre mit Einwilligungserklärungen, schützt Wahlen mit Regeln aus der Zeit des Wahlkampfplakats. Dass die Ergebnisse enttäuschen, liegt selten an mangelndem Willen. Es liegt am Werkzeug.
Zugleich verschieben sich Abhängigkeiten, für die es noch keine ausgearbeitete Sprache gibt. Wer über die Infrastruktur verfügt, über die eine Gesellschaft kommuniziert – Netze, Plattformen, Rechenkapazität, inzwischen auch die Systeme, die Kommunikation selbst erzeugen –, verfügt über etwas, das die klassische Gewaltenteilung nicht vorgesehen hat, weil es diese Position früher nicht gab. Ob das Macht im überkommenen Sinn ist, ob die vorhandenen Begriffe von Souveränität, Öffentlichkeit und Gewaltenteilung sie überhaupt fassen können: Das ist keine akademische Frage. Es ist die Frage, ob Selbstregierung unter diesen Bedingungen noch möglich ist – und wenn ja, wie.
Deshalb reicht es nicht, über die Symptome zu streiten. Solange die Ursache nicht verstanden ist, produziert jede Antwort auf ein Symptom das nächste Problem. Erst wenn klar ist, wie diese Gesellschaftsform funktioniert, lassen sich Institutionen bauen, die in ihr tragen: eine Vorstellung von Demokratie, von Freiheitsrechten, von Rechtsstaatlichkeit, die nicht die Verhältnisse des zwanzigsten Jahrhunderts voraussetzt.
Das ist kein Untergangsszenario. Nach Buchdruck und Massenmedien hat es jeweils Jahrzehnte gedauert, bis Gesellschaften die Institutionen entwickelt hatten, die zu den neuen Bedingungen passten – und diese Zwischenzeiten waren nicht friedlich. Die Arbeit lässt sich verkürzen, aber nur, wenn man sie beginnt.
Was hier passiert
Den Kern bildet eine Reihe von Grundbegriffen. Jeder wird daraufhin geprüft, ob er unter digitalen Bedingungen noch trägt – und wenn nicht, was an seine Stelle treten müsste. Kein Lexikon, sondern eine Prüfung. Die Texte verweisen aufeinander: Wer einen liest, bekommt ein Argument. Wer alle liest, bekommt ein Gebäude.
Daneben stehen kürzere Formate: Anlasstexte, die aktuelle Entwicklungen an die Begriffsarbeit zurückbinden, und Feldnotizen aus der Praxis, überwiegend aus China – Beobachtungen, bei denen die Theorie auf Wirklichkeit trifft und dabei manchmal verliert.
Ein Glossar hält fest, wie die zentralen Begriffe hier verwendet werden. Es ist Arbeitsinstrument und Selbstverpflichtung zugleich: Es soll verhindern, dass sich die Terminologie über die Jahre unbemerkt verschiebt.
China als Spiegel
Ich habe über fünfzehn Jahre in und mit China gearbeitet, rund zehn davon vor Ort in Shanghai und der Greater Bay Area. Dort ist mir wiederholt passiert, was ich zunächst für Verständnisprobleme hielt: Vertraute Begriffe – Markt, Öffentlichkeit, Vertrauen, Privatsphäre – bezeichneten Dinge, die anders funktionierten, als ich es gelernt hatte. Es waren keine Verständnisprobleme. Es waren Beobachtungen.
China ist hier weder Bedrohungsszenario noch Vorbild, sondern ein Ort, an dem sich manches früher zeigt, weil die digitale Durchdringung des Alltags weiter fortgeschritten ist und weniger durch gewachsene Institutionen abgefedert wird. Wer wissen will, was geschieht, wenn Bezahlung, Identität, Bewertung und Verwaltung in einer Infrastruktur zusammenfallen, muss das nicht simulieren.
Der Spiegel zeigt dabei nicht das Fremde, sondern das Eigene in schärferer Auflösung.
Für wen das gedacht ist
Für Leserinnen und Leser mit dem Verdacht, dass die üblichen Digitalisierungsdebatten zu klein ansetzen: bei Werkzeugen, Regulierung und Effizienz, während sich darunter etwas Grundsätzlicheres verschiebt. Vorkenntnisse sind nicht nötig, Geduld schon: Die Texte sind lang, weil die Sachen es sind.
Praktisches
Es erscheint ein längerer Text pro Monat, dazu unregelmäßig kürzere Beiträge. Das Tempo ist bewusst gewählt: Begriffsarbeit lässt sich nicht wöchentlich erledigen, und dieses Projekt ist auf Jahre angelegt.
Alle Texte sind und bleiben frei zugänglich. Es gibt keine Paywall und keine Inhalte nur für Zahlende. Wer ein bezahltes Abonnement abschließt, kauft keinen Zugang, sondern ermöglicht die Arbeit – und macht aus einem Publikum eine Gruppe von Leuten, die dieses Thema für wichtig genug halten, um es zu tragen. Wer das nicht möchte oder kann, verpasst nichts: Sie oder er liest denselben Text am selben Tag.
Zum Autor
[Dein Name], promovierter Kommunikationswissenschaftler (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und Unternehmer. Die Dissertation – Partei-Images: Wahlverhalten im digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts – ist frei zugänglich [Link]. Über fünfzehn Jahre Geschäftstätigkeit in und mit China, rund zehn Jahre vor Ort. Lebt zwischen Hamburg, Shanghai und Guangdong.
Widerspruch ist willkommen und nützlicher als Zustimmung: [E-Mail].

